Aufgefrischt

Basierend auf Molières Misantrophe und in unsere Zeit übertragen. Der Misantroph ist vielleicht gar kein Feind der Menschen. Die von Molière beschriebenen Charaktere leben unter uns. Immer. Unschlagbar gut ist die auf dem Misantrophe aufbauende Dichtung von Hans-Magnus Enzensberger.

PHILINTE

Du kannst die Menschen gar nicht leiden.

ALCESTE

Am liebsten möchte ich sie ganz vermeiden

PHILINTE

Und nimmst Du niemand aus von Deinem Haß?

Du solltest doch bedenken, dass…

ALCESTE

Ach hör mir auf! Ich dreh die Hand nicht um.

Bei uns herrscht doch das reinste Gangstertum

Statt sich zu sagen: Nein das geht zu weit!

ist man zu jeder Kungelei bereit.

dein bester Freund versetzt dich irgendwann

Und biedert sich bei dem Gesindel an

Komplizen seid ihr! Ekel! Borstentiere!

Nimm nur das Schwein mit dem ich prozessiere.

Es gibt an diesem Kerl nichts zu durchschauen

Ein jeder weiß: dem Mann ist nicht zu trauen.

Sein blauer Blick, sein dümmliches Gehüstel

täuscht nicht einmal den Pikkolo im Bristol

Sowas frißt Dreck, kommt hoch durch Korruption

Und hat auf einmal eine Position

Der Mann geht selbstverständlich über Leichen,

um einen satten Abschluß zu erreichen;

doch laut sagt keiner, daß er ein Faschist,

ein Lumpenhund und Mafiioso ist

Man findet das im Gegenteil noch schick,

man lädt ihn ein, man schreckt vor nichts zurück.

Und eines Tages sitzt er im Senat.

Mit solchen Typen macht man bei uns – Staat.

Je mehr du stiehlst, je höher steigt dein Wert.

Mich macht das alles krank. Mir kehrts

Den Magen um. Am leibesten möchte ich fliehen

aus diesem Kaff und in die Wüste ziehen

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Streitgespräch über einen Gottesbeweis

Der kurze Dialog findet auf Latein statt. Die Existenz Gottes wird durch ein Wunder bewiesen, aber es gibt unerwartete Kritik.

Espiritú a Martinique, F
Dämon, Martinique, Karibik

„-Un momento -dijo-. Ahora vamos a presenciar una prueba irrebatible del infinito poder de Dios.

El muchacho que había ayudado a misa le llevó una taza de chocolate espeso y humeante que él se tomó sin respirar. Luego se limpió los labios con un pañuelo que sacó de la manga, extendió los brazos y cerró los ojos. Entonces el padre Nicanor se elevó doce centímetros sobre el nivel del suelo. Fue un recurso convincente. Anduvo varios días por entre las casas, repitiendo la prueba de la levitación mediante el estímulo del chocolate, mientras el monaguillo recogía tanto dinero en un talego, que en menos de un mes emprendió la construcción del templo. Nadie puso en duda el origen divino de la demostración, salvo José Arcadio Buendía, que observó sin inmutarse el tropel de gente que una mañana se reunió en torno al castaño para asistir una vez más a la revelación. Apenas se estiró un poco en el banquillo y se encogió de hombros cuando el padre Nicanor empezó a levantarse del suelo junto con la silla en que estaba sentado.

-Hoc est simplicisimun -dijo José Arcadio Buendía-: homo iste statum quartum materiae invenit.

El padre Nicanor levantó la mano y las cuatro patas de la silla se posaron en tierra al mismo tiempo.

-Nego -dijo-. Factum hoc existentiam Dei probat sine dubio.

Fue así como se supo que era latín la endiablada jerga de José Arcadio Buendía. El padre Nicanor aprovechó la circunstancia de ser la única persona que había podido comunicarse con él, para tratar de infundir la fe en su cerebro trastornado. Todas las tardes se sentaba junto al castaño, predicando en latín, pero José Arcadio Buendía se empecinó en no admitir vericuetos retóricos ni transmutaciones de chocolate, y exigió como única prueba el daguerrotipo de Dios. El padre Nicanor le llevó entonces medallas y estampitas y hasta una reproducción del paño de la Verónica, pero José Arcadio Buendía los rechazó por ser objetos artesanales sin fundamento cien-tífico. Era tan terco, que el padre Nicanor renunció a sus propósitos de evangelización y siguió visitándolo por sentimientos humanitarios. Pero entonces fue José Arcadio Buendía quien tomó la iniciativa y trató de quebrantar la fe del cura con martingalas racionalistas. En cierta ocasión en que el padre Nicanor llevó al castaño un tablero y una caja de fichas para invitarlo a jugar a las damas, José Arcadio Buendía no aceptó, según dijo, porque nunca pudo entender el sentido de una contienda entre dos adversarios que estaban de acuerdo en los principios. El padre Nicanor, que jamás había visto de ese modo el juego de damas, no pudo volverlo a jugar. Cada vez más asombrado de la lucidez de José Arcadio Buendía, le preguntó cómo era posible que lo tuvieran amarrado de un árbol.

-Hoc est simplicisimun -contestó él-: porque estoy loco. Desde entonces, preocupado por su propia fe, el cura no volvió a visitarlo, y se dedicó por completo a apresurar la construcción del templo.“
Gabriel García Márquez, Cien años de soledad, Pdf. S.36

Rezeption

Baumfarne
Baumfarne in der Karibik: Guadeloupe

Dies war der erste Roman aus dem südamerikanischen Raum, den ich 1987 zum ersten Mal auf Deutsch gelesen habe. Marcel Reich-Ranicky hatte beim Literarischen Quartett von diesen Kolumbianer und seinem nobelpreisgekrönten Meisterwerk geschwärmt und ich wollte wissen, was an der Begeisterung so dran sein könnte. Bei der ersten Lektüre war ich wie benommen von der überschäumenden Phantasie und durch zahlreiche Vor- und Rückgriffe geprägten Erzählweise des Autors. Inzwischen der spanischen Sprache kundig, habe ich das Buch nach 25 Jahren erneut im Original bzw. parallel in beiden Sprachen gelesen. Hier einige Gedanken zum Werk, zur deutschen Übersetzung, den Personen, dem Ort Macondo und was für mich das Besondere an diesem Buch ist.

Los antepasados y la primera generación

Ursprung der Familie Buendía ist Aureliano, der Urgroßvater der mit la quemada verheiratet ist, die sich vor Schreck den Achtersteven verbrannt hat, als Francis Drake mal wieder die Hafeneinfahrt von Riohacha unter Beschuß nimmt. Sie ziehen aus Verzweiflung ins Hinterland, wo sie auf den tabakpflanzenden Kreolen José Arcadio treffen, der Partner von Aureliano wird. Über seine beiden Kinder erfahren wir nichts, aber einer hat einen Sohn: Arcadio und der oder die andere eine Tochter: Ursula. Sie leben im selben, kleinen Dorf und lernen sich lieben. José und Ursula heiraten.

Gouadeloupe1993Chutedeau
Lets play Adam and Eve. Or José y Ùrsula.

Primera generación
Die Gründer von Macondo und der Familie Buendía-Iguarán sind José Arcadio Buendía und Úrsula Iguarán. Sein Großvater Aureliano (auro=Gold) ist auch der Großvater seiner Frau Ursula, sie ist also seine Cousine. (Bruder vom Vater und davon das Kind. Die beiden Väter gehen auf Aureliano, einen aragonischen Händler, zurück. Die beiden Söhne des Großvaters Aureliano werden nirgendwo erwähnt). Die Generation der Ur-Großeltern sind eingewanderte Spanier, er stammt aus dem Königreich Aragon.
José
1) Joseph, Josef, der biblische Stammvater Israels, zweitjüngster Sohn des Erzvaters Jakob
2) Josef von Nazaret, auch Josef der Zimmermann, Ziehvater Jesu von Nazaret
3) Josef, einer der vier im Neuen Testament namentlich erwähnten Brüder Jesu, siehe Geschwister Jesu
Buendía
Altes Adelsgeschlecht aus dem 16.Jhd. dem Zeitalter der Conquista. Sie regieren in der Provinz Cuenca. Es gibt dort auch eine Stadt Buendia.
José Arcadio Buendía: „Der Urvater, der den einen guten neuen Tag unbelastet von mühsamer Arbeit und gesellschaftlichem Anpassungsdruck in einer idyllischen Natur begrüßt.“
Úrsula
Ursula ist lateinischen Ursprungs (ursus = Bär) mit dem Suffix -ula und bedeutet eigentlich kleine Bärin. Dieser Name ist im Grunde genommen eine Kopie des keltischen Namen Artula (artos = ursus), wie es in der zweisprachigen Inschrift von Trier (CIL XIII 3909) deutlich erscheint. Zur Verbreitung des Namens trug die Verehrung der heiligen Ursula im Mittelalter bei.

Krokodile für die Königin

ciénaga caribeña
Ciénaga caribeña en la isla de Goudeloupe

Macondo liegt auf einer Halbinsel, umgeben von Sumpfland. Das Meer ist ein Ort ständiger Sehnsucht, im Prinzip ist man auf allen Seiten von der Karibik umgeben aber man kommt aus den Sümpfen einfach nicht raus und fragt sich ständig, wie man vielleicht doch hingelangt. Einer alten Erzählung José Arcadios Großvaters zufolge soll man bei Riohacha auf das Meer stoßen. Der Opa hat berichtet, dass hier der Pirat Sir Francis Drake von seinem Schiff aus ähnlich dem Tontaubenschießen mit seinen Kanonen Kaimane abgeknallt hat. Damit soll an in diesem Zusammenhang eigentlich nur deutlich gemacht werden, dass in dieser Richtung das Meer liegt. Die Kaimane wurden mit Stroh ausgestopft und als Trophäe an die Königin geschickt. Ich bin hier durcheinander gekommen. Im Original werden die Echsen an Königin Isabel versandt und ich dachte dabei an die katholische Königin und Mutter aller Konquistadoren. Im deutschen Text gehen die ausgestopften Krokodile als Geschenk an Königin Elisabeth von England. Aus Königin Isabel wird kurzerhand Elizabeth. (Gabriel García Márquez, Hundert Jahre Einsamkeit, Deutsch von Curt Meyer-Clason dtv, München, 1987, 8.Auflage). Was ich dabei nicht bedacht hatte ist, dass Elisabeth auf Spanisch schlichtweg Isabel heißt.

„José Arcadio Buendía ignoraba por completo la geografía de la región. Sabía que hacia el Oriente estaba la sierra impenetrable, y al otro lado de la sierra la antigua ciudad de Riohacha, donde en épocas pasadas -según le había contado el primer Aureliano Buendía, su abuelo- sir Francis Drake se daba al deporte de cazar caimanes a cañonazos, que luego hacía remendar y rellenar de paja para llevárselos a la reina Isabel.”
Gabriel García Márquez, Cien años de soledad, Pdf. S.6

Drake hat tatsächlich seine Kanonen an der Küste von Kolumbien zum Einsatz gebracht. Er war von einer ausgesprochenen Wut auf das spanische Königshaus angetrieben. Er drückt den Spaniern gegenüber durch die vor ihrer Haustür geschossenen Kaimane seine Verachtung aus. Und er verängstigt sie zutiefst, denn die spanische Krone kann zur Verteidigung seiner Kolonie nicht viel tun. Deshalb sind die Bewohner der karibischen Küste Kolumbiens auch so verängstigt und verunsichert. In einer kommentierten Ausgabe findet sich auch der Hinweis, dass der Großvater von GGM mütterlicherseits eine solche Attacke selbst miterlebt hat: „Rioacha, puerto de la costa atlántica de Colombia, ciudad natal de don Nicolás, abuelo materno de GGM. Fue efectivamente asaltada por el corsario inglés Sir Francis Drake (h. 1540-1596), quien realizó varias expediciones contra las colonias espanjolas de América entre 1570 y 1572 por cuenta de Isabel I de quien fue favorito. Es uno de los personajes históricos fetiches de GGM.“