Gibt es eine Erkenntnis des Übersinnlichen?

Leibniz und Kant über die Grenzen des Wissens.

Leibniz und Kant über die Grenzen des Wissens. Prof. Bernd Ludwig, Wintervortrag 2015/16. Zitate

1 So, wie z. B. der Geist bei der Idee eines Dreiecks es als notwendig darin enthalten erkennt, dass seine drei Winkel gleich zwei rechten sind und deshalb überzeugt ist, dass ein Dreieck drei Winkel hat, die gleich zwei rechten sind, so muss er lediglich daraus, dass er einsieht, dass in der Idee eines höchst vollkommenen Wesens das notwendige und Dasein enthalten ist, folgern, dass das höchst vollkommene Wesen existiert. (Descartes, Principia 1,14)

2 Man hätte jedoch ohne Vermittlung des Begriffs von Vollkommenheit oder Größe die Beweisführung schärfer und angemessener wie folgt fassen können: Das notwendige Wesen — als das Wesen, dessen Essenz seine Existenz besagt oder das Wesen an sich – existiert, wie das schon aus den Worten erhellt. Nun ist Gott — gemäß seiner Definition — ein solches Wesen, also existiert Gott. Dieses Argument ist schlüssig, sofern nur zugegeben wird, dass das vollkommenste oder größte Wesen möglich ist und keinen Widerspruch einschließt (essepossibile, nec implicare cvntradictionem). Oder, was dasselbe besagt, dass eine Essenz möglich ist, aus der die Existenz folgt. Solange aber diese Möglichkeit nicht bewiesen ist, darf man auch die Existenz Gottes durch ein derartiges Argument nicht für vollkommen bewiesen erachten. (Und konziliant fügt Leibniz hinzu:) Immerhin lernen wir aus der obigen Beweisführung das ausgezeichnete Vorrecht der göttlichen Natur (divinae naturae Privilegium) kennen, dass sie, sofern sie nur möglich ist (si modo sitpossibilis), auch ohne weiteres existiert (eo ipso existat), was bei den übrigen Gegenständen zum Beweis ihres Daseins (ad existentiamprobando) nicht ausreicht. (Leibniz, ed. Gerhard IV,359)

,Möglichkeitserkenntnis‘ beruht nach Leibniz entweder (1) direkt auf Erfahrung oder auf einer von 3 Formen der Realdefinition: (2) Realdefinition vermittels Konstruktion (mathematische Gegenstände) (3) Realdefinition vermittels unmittelbarer Verursachung durch seinerseits bereits als möglich Erwiesenes (Erfahrungsgegenstände) (4) Realdefinition vermittels vollständiger Zerlegung des Begriffs (Gegenstände von Ideen)

3 Man sieht aus dem bisherigen leicht: daß ein reiner Vernunftbegriff, d. i. eine bloße Idee, sei, deren objective Realität dadurch, daß die Vernunft ihrer bedarf, noch lange nicht bewiesen ist, welche auch nur auf eine gewisse, obzwar unerreichbare Vollständigkeit Anweisung giebt und eigentlich mehr dazu dient, den Verstand zu begrenzen, als ihn auf neue Gegenstände zu erweitern. (Kant KrVA 592, Herv. B. L.) (Ausgabe zweitausendeins: S.385)

4 Der Begriff ist allemal möglich, wenn er sich nicht widerspricht.(…) Allein er kann nichts desto weniger ein leerer Begriff sein, wenn die objektive Realität der Synthesis, dadurch der Begriff erzeugt wird, nicht besonders dargethan welches aber jederzeit, wie oben gezeigt worden, auf Principien möglicher Erfahrung und nicht auf dem Grundsatze der Analysis (dem Satze des Widerspruchs) beruht. Das ist eine Warnung, von der Möglichkeit der Begriffe (logische) nicht sofort auf die Möglichkeit der Dinge (reale) zu schließen. (A 596 Fn;)

5 Der Begriff eines höchsten Wesens ist eine in mancher Absicht sehr nützliche Idee; sie ist aber eben darum, weil sie bloß Idee ist, ganz unfähig, um vermittelst ihrer allein unsere Erkenntniß in Ansehung dessen, was existirt, zu erweitern. Sie vermag nicht einmal so viel, daß sie uns in Ansehung der Möglichkeit eines Mehreren belehrte. Das analytische Merkmal der Möglichkeit, das darin besteht, daß bloße Positionen keinen Widerspruch erzeugen, kann ihm (sc. dem Begriff eines höchsten Wesens, B. L.) zwar nicht gestritten werden; da aber die Verknüpfung aller realen Eigenschaften (!) in einem Dinge (!) eine Synthesis ist, über deren Möglichkeit wir a priori nicht urtheilen können, weil uns die Realitäten specifisch nicht gegeben sind, und, wenn dieses auch geschähe, überall gar kein Urtheil darin stattfindet, weil das Merkmal der Möglichkeit synthetischer Erkenntnisse immer nur in der Erfahrung gesucht werden muß, zu welcher aber der Gegenstand einer Idee nicht gehören kann: so hat der berühmte Leibniz bei weitem das nicht geleistet, wessen er sich schmeichelte, nämlich eines so erhabenen idealischen Wesens Möglichkeit a priori einsehen zu wollen. (A 603) (Ausgabe zweitausendeins: S.389)

6 Notwendigkeit (ist) nichts als jene Existenz, die durch die Möglichkeit selbst gegeben ist. (B 111)

7 Diese Freiheit des Willens vorauszusetzen, ist (a) auch nicht allein (ohne in Widerspruch mit dem Princip der Naturnothwendigkeit in der Verknüpfung der Erscheinungen der Sinnenwelt zu gerathen) ganz wohl möglich (wie die speculative Philosophie zeigen kann), sondern (b) auch sie praktisch, d.i. in der Idee, allen seinen willkürlichen Handlungen als Bedingung unterzulegen, ist einem vernünftigen Wesen, das sich seiner Causalität durch Vernunft, mithin eines Willens (der von Begierden unterschieden ist) bewußt ist, ohne weitere Bedingung nothwendig. (Grundlegung 4:461)

8 Als ein vernünftiges, mithin zur intelligibelen Welt gehöriges Wesen kann der Mensch die Causalität seines eigenen Willens niemals anders als unter der Idee der Freiheit denken; denn Unabhängigkeit von den bestimmenden Ursachen der Sinnenwelt (dergleichen die Vernunft jederzeit sich selbst beilegen muß) ist Freiheit. (4:452)

9 Daher ist es eine unnachlaßliche Aufgabe der speculativen Philosophie: wenigstens zu zeigen, daß ihre (der dogmatischen Philosophie) Täuschung wegen des Widerspruchs darin beruhe, daß wir den Menschen in einem anderen Sinne und Verhältnisse denken, wenn wir ihn frei nennen, als wenn wir ihn als Stück der Natur dieser ihren Gesetzen für unterworfen halten. (4:456)

10 Antinomie: Es ist eine Kausalität durch Freiheit zur Erklärung (der Erscheinungen der Welt insgesamt) anzunehmen notwendig (A 444) (und) Es ist keine Freiheit, sondern alles in der Welt geschieht lediglich nach Gesetzen der Natur (A 445) (Ausgabe zweitausendeins: S.316)

11 Daß diese Antinomie auf einem bloßen Scheine beruhe, und daß Natur der Causalität aus Freiheit wenigstens nicht widerstreite, das war das einzige was wir leisten konnten, und woran es uns auch einzig und allein gelegen war. (A 558, Hel-v. B. L.) (Ausgabe zweitausendeins: S.369)

12 Wo aber Bestimmung nach Naturgesetzen aufhört, da hört auch alle Erklärung auf, und es bleibt nichts übrig als Vertheidigung, d. i. Abtreibung der Einwürfe derer, die tiefer in das Wesen der Dinge geschaut zu haben vorgeben und darum die Freiheit dreust für unmöglich erklären. (4:459)

13 Nun behaupte ich: daß wir jedem vernünftigen Wesen, das einen Willen hat, notwendig auch die Idee der Freiheit leihen müssen, unter der es allein handle. (…) der Wille desselben kann nur unter der Idee der Freiheit ein eigener Wille sein und muß also in praktischer Absicht allen vernünftigen Wesen beigelegt werden. (4:448; Herv. B. L.)

14 (Es) giebt die Vernunft nicht demjenigen Grunde, der empirisch gegeben ist, nach und folgt nicht der Ordnung der Dinge, so wie sie sich in der Erscheinung darstellen; sondern macht sich mit völliger Spontaneität eine eigene Ordnung nach Ideen, in die sie die empirischen Bedingungen hinein paßt, und nach denen sie sogar Handlungen für nothwendig erklärt ( ! ) die doch nicht geschehen sind und vielleicht nicht geschehen werden, von allen aber gleichwohl voraussetzt ( ! ), daß die Vemunft in Beziehung auf sie Causalität haben könne ( ! ); denn ohne das sie nicht von ihren Ideen Wirkungen in der Erfahrung erwarten. (A 548, Herv. B. L.)

5 Daher wir, was Freiheit sei, in praktischer Beziehung (…) gar wohl verstehen, in theoretischer Absicht aber, was die Causalität derselben (gleichsam ihre Natur) betrifft, ohne Widerspruch nicht einmal daran denken können, sie verstehen zu wollen. (06:144; Herv. B. L.)

16 Nun ist nicht das Mindeste, was uns hindert, diese Ideen auch als objectiv und hypostatisch anzunehmen, außer allein die kosmologische, wo die Vernunft auf eine Antinomie stößt, wenn sie solche zu Stande bringen will (die psychologische und theologische enthalten dergleichen gar nicht). Denn ein Widerspruch ist in ihnen nicht; wie sollte uns daher jemand ihre objective Realität streiten können, da er von ihrer Möglichkeit eben so wenig weiß, um sie zu verneinen, als wir, um sie zu bejahen! (A 673)

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Beweise von der Existenz Gottes

Die 4. Antinonmie bei Kant: Gott

Meteora, Gr. Foto: Robert Seidemann 1986
Meteora, Griechenland. Foto: Robert Seidemann 1986

Einen besonders wichtigen Beitrag hat Kant in Bezug auf die Gottesbeweise geleistet. Das Handwerkszeug dafür liefert die Kritik der reinen Vernunft. Die Menschheit hatte eine lange Periode hinter sich, in der Mystiker, Alchimisten, Astrologen und die allesbeherrschende Doktrin der katholischen Kirche das Denken über mehr als ein Jahrtausend völlig dominiert hatten.

Der ontologische Gottesbeweis

Anselm von Canterbury, 11.Jhd. Descartes greift ihn 100 J. vor Kant wieder auf. Gott aus dem Sein schließen (to on – tou ontos = Das Sein, des Seienden). Wenn Gott ein notwendiges und vollkommenes Wesen ist, gehört zur Vollkommenheit auch die Existenz.
1) Es ist ein Unterschied zwischen dem Dasein von Urteilen und dem Dasein von Dingen.
Bsp.: Urteil: Ein Triangel umschließt 3 Winkel (Notwendig, zwingend allgemein). Das Urteil ist keine Voraussetzung für das Vorhandensein eines Dinges Triangel.
2) anders formuliert: Gott ist das allerrealste Wesen.
Ist: Dieses Ding existiert: ein analytischer oder synthetischer Satz? Analytisch! Er fügt dem Begriff Gott nichts hinzu. Gott bleibt nichts als ein möglicher Gedanke.

Der kosmologische Gottesbeweis

a) Bewegungsbeweis des Aristoteles: alles Bewegte wird von etwas anderem bewegt bis zum ersten Beweger: Gott. b) als Kausalbeweis: Vom Dasein Gottes wird auf die Welt geschlossen: Butter schmilzt-Wärme im Zimmer-Temperatur draußen. Nichts kann eine Absolutheit zugesprochen werden. Also muss am Ende der Kausalkette etwas Unbedingtes, eine schlechthin notwendige Ursache stehen.
Kant: Das absolut Notwendige muss, wenn schon nichts Empirisches absolut notwendig ist, muss außerhalb der Welt angenommen werden. Eine Kausalität ist aber nur für die Sinnenwelt sinnvoll, außerhalb nicht beweisbar und entspringt dem Bedürfnis der Vernunft.

Der teleologische Gottesbeweis

gr. Telos=der Zweck, das Ziel: Lehre von der Zweck-mäßigkeit und Zielgerichtetheit. Nach Kant der älteste und klarste Beweis: In der Natur waltet eine Ordnung und Zweckmäßigkeit: Bäche fließen nach unten, Insekten dienen Vögeln als Nahrung. Von dieser Ordnung wird auf einen Urheber, einen vollständigen Zweck geschlossen. Kant: setzt man die Kette fort, würde das höchste Wesen in der Kette dieser Bedingungen stehen, wäre selbst bedingt (das Paradoxon der Diskussion zwischen Gott und dem Teufel basiert darauf). Der Beweis könnte also höchstes zu einem Weltbaumeister, der durch die Tauglichkeit seines Stoffes immer sehr eingeschränkt sein, aber nicht zu einem Weltschöpfer, dessen Idee alles unterworfen ist führen.

Gott: das transzendentale Ideal

Nachdem Kant durch die 4 Antinomien aufgezeigt hat, dass sich der Verstand bei Aussagen über reine Vernunftbegriffe in Widersprüche verwickelt, wird klar, dass er sich beim höchsten dieser Ideale, Gott, genauso aufs geistige Glatteis begibt. Gott bleibt ein fehlerfreies Ideal, ein Begriff, welcher die ganze menschliche Erkenntnis schließt und krönt, dessen objektive Realität zwar nicht bewiesen aber, aber auch nicht widerlegt werden kann.

Somit hat Kant 500 Jahre nach Thomas von Aquin dessen Versuche, die Existenz Gottes zu beweisen, widerlegt und 100 Jahre vor Ludwig Feuerbach die Unmöglichkeit aufgezeigt, die Nicht-Existenz Gottes beweisen zu können. (Kant für Anfänger, Die Kritik der reinen Vernunft, Ralf Ludwig, München, 13.A.2008, DTV)

Streitgespräch über einen Gottesbeweis

Der kurze Dialog findet auf Latein statt. Die Existenz Gottes wird durch ein Wunder bewiesen, aber es gibt unerwartete Kritik.

Espiritú a Martinique, F
Dämon, Martinique, Karibik

„-Un momento -dijo-. Ahora vamos a presenciar una prueba irrebatible del infinito poder de Dios.

El muchacho que había ayudado a misa le llevó una taza de chocolate espeso y humeante que él se tomó sin respirar. Luego se limpió los labios con un pañuelo que sacó de la manga, extendió los brazos y cerró los ojos. Entonces el padre Nicanor se elevó doce centímetros sobre el nivel del suelo. Fue un recurso convincente. Anduvo varios días por entre las casas, repitiendo la prueba de la levitación mediante el estímulo del chocolate, mientras el monaguillo recogía tanto dinero en un talego, que en menos de un mes emprendió la construcción del templo. Nadie puso en duda el origen divino de la demostración, salvo José Arcadio Buendía, que observó sin inmutarse el tropel de gente que una mañana se reunió en torno al castaño para asistir una vez más a la revelación. Apenas se estiró un poco en el banquillo y se encogió de hombros cuando el padre Nicanor empezó a levantarse del suelo junto con la silla en que estaba sentado.

-Hoc est simplicisimun -dijo José Arcadio Buendía-: homo iste statum quartum materiae invenit.

El padre Nicanor levantó la mano y las cuatro patas de la silla se posaron en tierra al mismo tiempo.

-Nego -dijo-. Factum hoc existentiam Dei probat sine dubio.

Fue así como se supo que era latín la endiablada jerga de José Arcadio Buendía. El padre Nicanor aprovechó la circunstancia de ser la única persona que había podido comunicarse con él, para tratar de infundir la fe en su cerebro trastornado. Todas las tardes se sentaba junto al castaño, predicando en latín, pero José Arcadio Buendía se empecinó en no admitir vericuetos retóricos ni transmutaciones de chocolate, y exigió como única prueba el daguerrotipo de Dios. El padre Nicanor le llevó entonces medallas y estampitas y hasta una reproducción del paño de la Verónica, pero José Arcadio Buendía los rechazó por ser objetos artesanales sin fundamento cien-tífico. Era tan terco, que el padre Nicanor renunció a sus propósitos de evangelización y siguió visitándolo por sentimientos humanitarios. Pero entonces fue José Arcadio Buendía quien tomó la iniciativa y trató de quebrantar la fe del cura con martingalas racionalistas. En cierta ocasión en que el padre Nicanor llevó al castaño un tablero y una caja de fichas para invitarlo a jugar a las damas, José Arcadio Buendía no aceptó, según dijo, porque nunca pudo entender el sentido de una contienda entre dos adversarios que estaban de acuerdo en los principios. El padre Nicanor, que jamás había visto de ese modo el juego de damas, no pudo volverlo a jugar. Cada vez más asombrado de la lucidez de José Arcadio Buendía, le preguntó cómo era posible que lo tuvieran amarrado de un árbol.

-Hoc est simplicisimun -contestó él-: porque estoy loco. Desde entonces, preocupado por su propia fe, el cura no volvió a visitarlo, y se dedicó por completo a apresurar la construcción del templo.“
Gabriel García Márquez, Cien años de soledad, Pdf. S.36