Die Haut, in der ich wohne

Dr. Robert Legard, ein berühmter Arzt für plastische Chirurgie, wird, angetrieben durch den tragischen Unfalltod seiner geliebten Frau, zum Erfinder einer neuen, gentechnisch hergestellten Haut, die viel besser ist als menschliche Haut: sie ist feuerbeständig und stichfest. Bei den Familienbeziehungen könnte es kaum wilder zugehen als hier: dass die Mutter-Sohn und die Vater-Tochter Beziehungen vollkommen überdreht sind, verblüfft nicht weiter, wenn man schon ein Paar Aldomóvar Filme gesehen hat. Die Geschichte wird in Vor- und Rückgriffen erzählt, man erfährt sie häppchenweise. Das ist auch der Erzählstiel von Alice Munro. Von dieser liegt denn auch gleich zu Beginn deutlich sichtbar ein Buch auf dem Frühstückstablett für die einzige Patientin: Alice Munro, Escapada . Originaltitel: Runaway. Deutscher Titel: Tricks. Mehr auf wikipedia  und wordpress. Es umfasst mehrere Geschichten über die Liebe von Frauen unterschiedlichen Alters. Ein Happy End gibt es wie bei Aldomóvar und meistens im richtigen Leben eher nicht. Letztlich zieht ein junger Mann den Hass von Robert Legard (Frankenstein) auf sich. Er wird wie bei einer Safari mit einem Spritzenschuss lebend gefangen genommen und im Anwesen des Doktors eingesperrt. Robert bringt seine ganze Kunst zum Einsatz: Es beginnt mit der Entfernung der primären Geschlechtsorgane, an Stelle des Penis gibt es eine Vagina. Die muss der Patient unter Schmerzen mit unterschiedlich großen Dildos schrittweise ausweiten. Nun folgt peu a peu der Rest des Körpers: das Gesicht kommt neu und  wird entsprechend der verstorbenen Ehefrau gestaltet, ein passender Busen rundet das Bild ab: es entsteht ein neugeschaffener, weiblicher Körper von makelloser Schönheit. Robert hat seine Technik an einem Meerschweinchen ausprobiert, das einstmals ein Junge war. Bei den diversen Kapriolen gibt es einen Zwiekampf mit dem „Schöpfer“, bei dem sich das Opfer die Kehle mit dem Messer durchtrennt. Wie in Buñuels Szene mit dem Skalpellschnitt durchs Auge einer Frau („Ein andalusischer Hund“ Originaltitel: Un chien andalou von Luis Buñuel und Salvador Dalí, auch die Tafeln mit den Zeitansagen sind ein Anklang an diesen Film) kann man es langsam nicht mehr ertragen auch nur noch hinzusehen. Robert trägt den schlaffen Körper des androgynen Mädchens in seinen OP und näht den Hals wieder zusammen. Der coolste Satz im Film fällt beim letzten Nadelstich: Da hatten wir nochmal Glück! („Tenemos suerte“, wenn ichs recht verstanden habe). Das Martyrium kann weitergehen. Die Verwendung der ihm angebotenen Schminkutensilien erträgt er/sie nicht und verwendet die Stifte zum Beschreiben der Zimmerwand. Neben den Knastbalken zum Tagezählen steht da immer wieder: respiro. Ich atme, also bin ich. Ein liegender Körper wird gezeichnet: Der Kopf steckt in einer Hundehütte. Mein argentinischer Psychiater hätte seine wahre Freude an der Wand, die sich langsam füllt. Letzten Endes entkommt das neu entstandene Wesen seinem Peiniger und kann zur Boutique der Mutter zurückkehren. Niemand erkennt ihn. Erst als er Szenen aus der Vergangenheit schildert, die nur mit ihm als jungem Mann in Verbindung stehen, merkt die Verkäuferin, was passiert sein muss. Aldomóvar thematisiert in seinem Film die gentechnische Veränderung menschlicher Zellen, die Transgender Problematik und wenn man dieses Thema weiterentwickeln möchte, die Leib-Seele Probematik. Aristoteles stellte sich das Herz als Sitz der Seele und Träger der Identität vor. Im Film  erkennt der Gefangene, dass Yoga den direkten Weg zum Kern der Persönlichkeit weist. Er verlangt nach einem Buch über Yoga und verbringt die Zeit mit teils akrobatischen Übungen. Als er zum Schluss im Laden seiner Mutter seine wahre Identität eröffnet, ist es seine Seele als Sohn, die spricht. Als weibliches Wesen ist er zwar äußerlich vollkommen, der Verkäuferin im Laden seiner Mutter gegenüber existiert er aber nur als der Junge, der er einmal war. Sein Fortleben als Verkäuferin Vera in dieser Boutique mag ich mir nicht vorstellen, obwohl die Geschichte natürlich genau darauf hinausläuft. Immerhin sind die Kleider dort hübsch und wahrscheinlich alle von Jean-Paul Gaultier. Großartig ist die Musik von Alberto Iglesias und endlich kann ich die unvergleichliche Sängerin Concha Buika bei zwei Auftritten sehen: Ein Fest für die Ohren, die Augen und das Herz. Danke Pedro!

Offizielle Seite des Films La Piel que Habito

und das sagt der Drehbuchschreiber und director selbst dazu: „Hay procesos irreversibles, caminos sin retorno, viajes sólo de ida. “La piel que habito” cuenta la historia de uno de estos procesos. La protagonista recorre involuntariamente uno de esos caminos, es obligada violentamente a emprender un viaje del que no puede regresar. Su kafkiana historia corresponde al dictado de una condena cuyo jurado está compuesto por una sola persona, su peor enemigo. El veredicto, por lo tanto, no es sino una forma de venganza extrema.“ zitiert von der website des Films s.o.

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