Comme un avion

Ein Film von Denis Podalydès

Es war einer der letzten Filme freitagabends beim Europäischen Filmfest im November 2015 in Göttingen. Ein französischer Film, bei dem auch noch ein Faltboot eine wesentliche Rolle zukommt: das sind für mich gleich zwei gewichtige Gründe ins Kino zu gehen. Also schnell ins Lumière und last Minute nach Frankreich.

Nach wenigen Einstellungen ist man im Leben des Hauptdarstellers angekommen: vor dem Computer (3 D Animation mit Musik von J.S. Bach) sitzt und arbeitet Michel, ein Motoroller bewegt ihn durchs moderne Leben. Seine Frau ist adrett, seine Freunde nett und ein Hobby hat er auch: er träumt von den Postfliegern vergangener Tage, als das Fliegen noch Abenteuer war und es etwas zu entdecken gab. Zu dem Thema kann man was sammeln und es eignet sich für immer weitere konvenable Geburtstaggeschenke. Dann kommt ganz unvermutet etwas unvorhergesehenes und Unkonventionelles zu und über ihn. Während er mit seiner lieben Rachelle wie Millionen andere Paare abends in Richtung Bildschirm blickt, klickt er sich im Internet auf seinem Pad von einer Seite zur Nächsten, bis es dann passiert ist: er hat ein Kajak bestellt, ein waschfestes Faltboot. Bald wird es mit DHL oder UPS geliefert und er geht über seine Terrasse mit dem Faltbootgestell um sich herum wie ein Buschpilot vorm ersten Start. Er kommt sich vor wie ein Flugzeug. Dann bringt ihn seine Frau zu einer Einstiegsstelle am Fluss, es zieht ihn zum Meer hin. Sie verabschieden sich, er begib sich in die Welt der Natur und sie kehrt zurück in die Welt der Kultur. Ein ätherisches Band verbindet sie, das Handy ist (noch) gleichermaßen im Boot und im Auto dabei.

Nun beginnt der zweite Teil des Films und es ist der eindeutig schönere. Er gleitet aus eigener Kraft und durch die unglaublich schöne Natur einer sommerlichen Kleinflusslandschaft, erlebt die Welt (wieder) mit allen Sinnen. Ich würde ihn bei einem Treffen zunächst nach dem Namen dieses schönen Flusses fragen. Bald geht es auch an Land und da sind natürlich gleich einsame Jungfrauen und junggebliebene Witwen zu trösten und mit allen Mitteln der Liebeskunst flachzulegen. Wenn dann der jungverliebte Michel im alten Volvo langsam durch die sommerliche Provinz rollt und dabei  „temps de vivre“ von Moustaki gespielt wird: da ertappe ich mich doch tatsächlich dabei, wie ich im Kino plötzlich mitsinge. Ganz so ähnlich habe ich Frankreich Gottseidank schon mal selber erlebt. Irgendwann merkt er, dass seine Frau ja die angebliche Tour ans Meer per Geotracking verfolgen kann, während er ganz andere Dinge im Kopf und vor Augen hat: das Elektroding ist zur Fußfessel geworden und wird sofort abgeschaltet, erst jetzt ist alles aber ganz wie früher.

Das geniale an diesem Film ist, dass er stets auch einen subtil ironischen Unterton hat, Gesellschaftskritik auf hohem Niveau betreibt und dabei ohne erhobenen Zeigefinger auskommt. So ist auch das komödienhafte nicht stereotyp und einfältig. Er zeigt ganz alltägliche Menschen im Spagat zwischen einer immer mehr ausufernd technologisierten, entfremdeten Umgebung einerseits und ihren persönlichen und natürlichen Wünschen und Sehnsüchten andererseits.

Man erkennt das unterschwellige Unwohlsein Michels bei seiner Arbeit und auch bei der Geburtstagsfeier mit Freunden: erst die kleine Flucht aufs Wasser zeigt ihm den Weg zu einem Leben im Einklang mit der Natur und zu sich selbst. Diese verschiedenen Sichtweisen der Welt prallen hier frontal aufeinander und ergeben komische Momente. Die Pointe dazu ist der als Paddler mit allem nur vorstellbaren Material ausgerüstete Michel zu Beginn seiner Reise ans Meer: Zum Glück passen die meisten Produkte, welche die Marktwirtschaft für diesen Zweck produziert hat, gar erst nicht mit ins Boot. Nur seine Ukulele darf und muss mit. An anderer Stelle blödelt Michel nebenbei mit seinen Kollegen über Palindrome und da ist Kajak ein geniales Beispiel.

Natürlich ist es ein Boot von Nautraid und wie es in dieser kleinen Welt so geht, trifft auch noch mein Paddelkamerad Wolfgang den Besitzer des Faltboottexemplars aus dem Film auf der Messe „Boot“ in Düsseldorf.  Es gehört dem Deutschlandimporteur der Firma. Denis Podalydès ist auf jeden Fall ein Name, den man sich merken muss, denn er macht bemerkenswerte, intelligente und zeitkritische Filme.

Erwähnenswert ist auch die am 21.Mai 2016 in der FAZ erschienene Filmkritik: Meines Ruders Hüter. Der Film „Nur Fliegen ist schöner“ hebt prima ab, von Bert Rebhandel. Er hat eben diese Kunst des Regisseurs, weit und hintersinnig auszuholen, gut dargestellt ausgeführt. Mir gefällt gleich zu Beginn die Darstellung des Paddlers als Metapher für das Menschsein ganz allgemein, als archimedisches Gleichnis. Dem Odysseus gleich begleitet er sich zur Ukulele und schließlich der Hinweis, dass ein Palindrom in sich selbst zurückführt, was auch große Expeditionen auszeichnet. Dass er dabei paddeln und rudern nicht auseinanderhalten kann, ist nicht weiter verwunderlich, ist das doch gang und gäbe. Inzwischen kann man als Paddler schon T-Shirts mit dem Aufdruck „sag nie wieder rudern zu mir“ kaufen.

 

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