Lettre à la cousine 1, Der Indianer im Allgemeinen und ein Häuptling im Besonderen

Lettre à la cousine, Madame La Comtesse De Grancey
New York, 10 octobre 1831, Voyages I, p. 179., pdf. p. 77 ff. 1. Teil

Nach sechs Wochen in dieser Stadt haben wir das Bedürfnis verspürt, uns mit etwas anderem als der Besichtigung von Gefängnissen zu beglücken. Wir waren entschlossen uns abzuseilen und einen Trip in den Westen zu machen. Wir wollten die Wildnis und die Indianer sehen. Wir sind mehr als 200 Meilen quer durch den Staat New York getreckt, stets den Fährten der wilden Stämme folgend und doch ohne jemals welchen zu begegnen. Die Indianer, so wurde uns erzählt, waren vor zehn Jahren noch hier, vor acht, sechs, zwei Jahren. Aber die europäische Zivilisation breitet sich wie ein Buschfeuer aus und jagt sie vor sich her. Wir sind schließlich in Buffalo angekommen um den Zugang zum Lake Superior und die Ufer des Lake Michigan zu erkunden. Embed from Getty Images

Ich hoffe, dass ich Dir eines Tages so einige Geschichten von dieser langen Reise erzählen kann, aber für heute muss ich mich kurz fassen. Diese Indianer sind schon merkwürdige Wesen: sie denken, wenn ein Mensch auch nur eine Decke hat, um sich warmzuhalten, Waffen um Wild zu erlegen und einen schönen Himmel über dem Kopf, braucht er nichts weiter zu seinem Glück. Wir waren entschlossen die Gelegenheit beim Schopf zu packen: flugs wurde unser Trip mal schnell um 500 Meilen ausgedehnt. Dieses Mal wurden wir rundum zufrieden gestellt. Wir sind an endlos weiten Küsten entlanggekommen, an denen die Weißen nicht einen einzigen Baum gefällt haben und wir haben eine große Anzahl Indianervölker besucht.

Es sind die stolzesten Wesen der Schöpfung: sie lächeln mitleidig, wenn sie sehen, welchen Aufwand wir hegen, um uns gegen Strapazen und schlechtes Wetter abzusichern. Und es gibt nicht einen unter ihnen, der, in seiner Decke am Fuß eines Baums zusammengerollt, sich nicht dem Präsidenten der Vereinigten Staaten oder dem Gouverneur von Kanada überlegen fühlt. Von meiner gesamten Ausrüstung beneiden sie mich nur um meine zweiläufige Flinte. Aber die macht auf ihren Verstand den gleichen Eindruck, wie das Gefängniswesen auf die Amerikaner. Ich erinnere mich u.a. an einen alten Häuptling den wir am Ufer des Lake Superior getroffen haben. Er saß nahe am Lagerfeuer, regungslos wie es sich für einen Mann seines Rangs geziemt.

Ich ließ mich neben ihm nieder und wir plauderten freundschaftlich mittels eines Franko-Kanadischen Dolmetschers. Er begutachtete mein Gewehr und bemerkte, dass es nicht wie das seine wäre. Ich sagte ihm, dass es gegen Regen beständig sei und selbst ins Wasser fallen konnte. Er weigerte sich, mir zu glauben, aber ich feuerte es ab, nachdem ich es in einen Bach getaucht hatte, der in der Nähe vorbeifloss. Bei diesem Anblick bezeugte der Indianer die tiefste Bewunderung.

Er untersuchte die Waffe aufs Neue und reichte sie mir mit Nachdruck zurück: “Die Väter der Kanadier sind große Krieger!“ Als wir uns trennten, bemerkte ich, dass er an seinem Kopf zwei lange Sperberfedern trug. Ich fragte ihn, was der Schmuck zu bedeuten habe. Bei dieser Fragen zeigte sich ein sehr einnehmendes Lächeln, bei dem gleichzeitig zwei Zahnreihen sichtbar wurden, die einem Wolf zur Ehre gereicht hätten. Er antwortete mir, dass er zwei Sioux getötet hatte (das ist der Name eines mit seinem Stamm befeindeten Stammes) und das er die Federn trage als Symbol für seinen zweifachen Sieg. “Erlauben Sie mir eine davon zu überlassen“ sagte ich “ich werde sie in mein Land nehmen und sagen, dass ich sie von einem großen Häuptling erhielt“. Es schien, als hätte ich eine empfindliche Stelle getroffen, denn mein Mann stand daraufhin auf, nahm mit einer Erhabenheit, die schon groteske Züge hatte, eine der Federn und übergab sie mir. Dann streckte er mir aus dem Inneren seiner Decke seinen nackten Arm und eine knochige Hand entgegen. Ich hatte Mühe, die meine zurückzuziehen, nachdem er sie gedrückt hatte.

In zeitgemäßes Deutsch übertragen von Robert Seidemann

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