Das geheime Wesen der Dinge

«Las cosas, tienen vida propia -pregonaba el gitano con áspero acento-, todo es cuestión de despertarles el ánima.» S.3. Der Alchimist geht davon aus, dass alle Dinge innere Geheimnisse bergen und in einem Zusammenhang stehen. Er ist auf der Suche nach dem passenden Schlüssel, um Zugang zu erhalten. Das können Apparate wie das philosophische Ei, hier der Magnet oder Zauberformeln sein. Kant dazu lakonisch: das Ding an sich steht dem Menschen nicht zur Verfügung.

hermes_blJoseph von Eichendorff
Wünschelrute

Schläft ein Lied in allen Dingen,

die da träumen fort und fort,

Und die Welt hebt an zu singen,

Triffst Du nur das Zauberwort.

Prophezeiung

Die Zukunft wird den Buendias an mehreren Stellen in ihren Träumen angedeutet. Das beginnt schon mit José Arcadio, als er noch mit seinem Gefolge durch den Urwald wandert und einen Ort zum Bleiben sucht. „José Arcadio Buendía soñó esa noche que en aquel lugar se levantaba una ciudad ruidosa con casas de paredes de espejo. Preguntó qué ciudad era aquella, y le contestaron con un nombre que nunca había oído, que no tenía significado alguno, pero que tuvo en el sueño una resonancia sobrenatural: Macondo.” S.12. Der Name des Dorfes steht damit fest, was es mit dem Traum auf sich hat, erkennt er nicht. Von ganz anderem Kaliber sind die Weissagungen des Melquíades:  “Melquíades profundizó en las interpretaciones de Nostradamus. Estaba hasta muy tarde, asfixiándose dentro de su descolorido chaleco de terciopelo, garrapateando papeles con sus minúsculas manas de gorrión, cuyas sortijas habían perdido la lumbre de otra época. Una noche creyó encontrar una predicción sobre el futuro de Macondo. Sería una ciudad luminosa, con grandes casas de vidrio, donde no quedaba ningún rastro de la estirpe de las Buendía.” S.24

Die Prophezeiung des Nostradamus, bei der man an ein absehbares Weltende denkt, wird hier auf Macondo bezogen: Die Familie ist ausgestorben, das Dorf ist weg. Es sieht aus wie New York auf den Granitfelsen des Zeltplatzes von Häuptling Mana Hata: eine lichterne Stadt aus Beton, Stahl und Glas. Klar, dass der alte Wahrsager auf einem Dreibein hockt wie ehedem das Orakel von Delphi. Er bezieht die Weissagungen des Nostradamus in seine Weissagungen ein.Nostradamus_1568

Michel de Nostredame, dit Nostradamus, né le 14 décembre 1503 à Saint-Rémy-de-Provence et mort le 2 juillet 1566 à Salon-de-Provence, était un apothicaire français. Pratiquant l’astrologie comme tous ses confrères à l’époque de la Renaissance, il est surtout connu pour ses prédictions sur la marche du monde. Der zum Katholizismus konvertierte Jude lebte in bewegten Zeiten. Er veröffentlichte am 4.5.1550 die „Prophezeiungen“ in Lyon. Sie waren auf Französisch verfasst und jeweils in Zenturien unterteilt, d.h. 100 Verse zu je vier Zeilen (las centurias de Nostradamus, s.u.). Interessant ist die Übersicht der von ihm verwendeten Techniken (wikipedia français):

–          la fureur poëtique : die dichterische Glut

–          le subtil esprit du feu de l’oracle de Delphes : der erhabene Geist des Feuers des Orakels von Delphi

–          l’eau de l’oracle de Didymes : das Wasser des Orakels von Dydima

–          l’astrologie judiciaire, l’art de juger de l’avenir d’après le mouvement des planètes, mais Nostradamus se disait « astrophile » plutôt qu’astrologue : der planetarischen Voraussicht

–          ­les sacrées Écritures, ou les sacrées lettres (bien qu’il n’ait probablement pas possédé une Bible telle quelle, interdite à l’époque aux laïques : il en aurait utilisé des extraits trouvés dans Eusèbe, Savonarole, Roussat et le Mirabilis Liber) : der heiligen Schriften, die Bibel selbst war ihm als Leien nicht zugänglich, also Zuschreibungen und Ausschnitte von Zeitgenossen

–          la calculation Astronomique, selon de prétendus cycles datant d’Ibn Ezra et de bien avant. Nostradamus prétend arrêter ses prédictions à l’an 3797 : Die astronomische Berechnung, nach der er auf er seine Prophezeiungen im Jahr 3797 enden lässt.

–          le songe prophétique : der prophetische Traum

–          l’incubation rituelle : die rituelle Befruchtung

Zum Glück ist es bis zum Jahr 3797 noch ein Weilchen hin, aber der Gedanke an ein vorhersagbares Ende der Welt kehrt permanent wieder und die Prophezeiungen sind dann jedes Mal aufs Neue aktuell, zuletzt bei der Zeitenwende ins dritte Jahrtausend. Später vertieft sich Aureliano in das Wissen der Menschen im Mittelalter und die Prophezeiungen des Nostradamus: “Aureliano no abandonó en mucho tiempo el cuarto de c. Se aprendió de memoria las leyendas fantásticas del libro desencuadernado, la síntesis de los estudios de Hermann, el tullido; los apuntes sobre la ciencia demonológica, las claves de la piedra filosofal, las centurias de Nostradamus y sus investigaciones sobre la peste, de modo que llegó a la adolescencia sin saber nada de su tiempo, pero con los conocimientos básicos del hombre medieval.” S.147 Er muss noch zahlreiche weitere Rätsel lösen und Bücher wälzen, bis er das Geheimnis der Schrift auf den Pergamenten des Melchiades löst. Als er wie versteinert den Ameisen zusieht, wie sie den schon aufgedunsenen Leichnam seines eigenen Sohnes fortschleppen, eröffnet sich ihm der Zugang, er liest als erstes dies:

„El primero de lo estirpe está amarrado en un árbol y al último se lo están comiendo las hormigas.” S.171
Den ersten der Sippe binden sie an einen Baum, den letzten fressen die Ameisen.

Während er den Tod seines Sohnes als des letzten seiner Sippe schon gesehen hat, verfolgt er die Chronik der Buendias in den Prophezeiungen des Melquiades. Gespannt erwartet er das Ende der Weissagungen und damit seinen eigenen Tod.

Sprichwörter

Marquéz liebt es Sätze einzufügen, die man wie früher auf Kalenderblätter übertragen oder wie heute üblich auf Facebook posten könnte. Sie sind fein auf die Situation abgestimmt, funktionieren aber als universale Aussage auch außerhalb des Romans. Man kann ihnen einfach nur zustimmen und bekommt dabei das Gefühl, dem Stein der Weisen ein Stück näher gekommen zu sein. Hier eine Auswahl:

Das Geheimnis eines guten Alters ist nichts anderes als ein ehrenhafter Pakt mit der Einsamkeit

“…, el coronel Aureliano Buendía apenas si comprendió que el secreto de una buena vejez no es otra cosa que un pacto honrado con la soledad.” Pdf S.83
Die Söhne erben den Spleen ihrer Väter
«No tienes de qué quejarte -le decía Úrsula a su marido-. Los hijos heredan las locuras de sus padres.» Pdf S.19

Ich bin hier von der Übersetzung Curt Meyer-Clasons abgewichen: die Söhne spiegeln in der Tat das Verhalten der größten Vorbilder in ihrem Leben: ihrer Väter. Das Wort hijos kann Kinder oder Söhne bedeuten. Zu Beginn hat Ursula nur Söhne. Ob man Narrheit oder Spleen sagt ist dabei zweitrangig. Der nächste weise Spruch von Urmutter Úrsula bezieht sich auch auf Söhne:

Alle Söhne sind gleich: Anfangs sind sie leicht zu erziehen, sind gehorsam, pflichtbewusst und scheinbar unfähig, einer Fliege etwas zu Leide zu tun. Aber kaum sprießt ihnen ein Barthaar, stürzen sie sich gleich ins Verderben.

«Todos son iguales -se lamentaba Úrsula-. Al principio se crían muy bien, son obedientes y formales y parecen incapaces de matar una mosca, y apenas les sale la barba se tiran a la perdición.» Pdf S.64

Man stirbt nicht wenn man soll, sondern wenn man kann.

“Una mañana encontró a Úrsula llorando bajo el castaño, en las rodillas de su esposo muerto. El coronel Aureliano Buendía era el único habitante de la casa que no seguía viendo al potente anciano agobiado por medio siglo de intemperie. «Saluda a tu padre», le dijo Úrsula. Él se detuvo un instante frente al castaño, y una vez más comprobó que tampoco aquel espacio vacío le suscitaba ningún afecto.
-¿Qué dice? -preguntó.
-Está muy triste -contestó Úrsula- porque cree que te vas a morir.
-Dígale -sonrió el coronel- que uno no se muere cuando debe, sino cuando puede.” Pdf S.100
Auch hier bin ich anderer Meinung als Meyer-Clason: deber würde ich eher mit sollen und nicht mit müssen übersetzten. Es besteht irgendwo der Wunsch bei Erben oder Feinden. Die sagen dann, er soll sterben. Bei muss fällt mir eher ein Todesurteil ein und dann ist das können nicht mehr im eigenen Entscheidungsbereich. Aber das ist beim Oberst Buendía natürlich ein schlechtes Beispiel.

Die mosaische Trennung

Eine markante Stelle in der Bibel im alten Testament betrifft die Geschichte von Moses und dem goldenen Kalb. Hier meldet sich zunächst Gott zu Wort: „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“. Moses fordert daraufhin die Leviten auf, all jene zu töten, die sich nicht zu dem einen Gott bekennen möchten. Die Leviten folgen Moses aufs Wort: das kostet dreitausend Menschen das Leben. Die Stelle lässt sich als endgültiger Sieg des Monotheismus verstehen und geht mit der mosaischen Unterscheidung in treue Anhänger Gottes und Heiden einher. (vgl. Jan Assmann, Moses der Ägypter, 1997 und aktuell „Die Gewalt des einen Gottes“. Die Monotheismusdebatte zwischen Jan Assmann, Micha Brumlik, Peter Sloterdejk und anderen, Berlin 2014). Peter Sloterdejk sagt über diese Stelle in der Bibel, sie habe eine neue Qualität des Tötens begründet: „Es dient nicht mehr nur dem Überleben eines Stammes, sondern dem Triumph eines Prinzips“.

Moses 2, Exodus, Die Leviten üben Gericht an den Übertretern

Als nun Mose sah, dass das Volk zügellos geworden war – denn Aaron hatte ihm die Zügel schießen lassen, seinen Widersachern zum Spott ,da stellte sich Mose im Tor des Lagers auf und sprach: Her zu mir, wer dem HERRN angehört! Da sammelten sich zu ihm alle Söhne Levis. Und er sprach zu ihnen: So spricht der HERR, der Gott Israels: Jeder gürte sein Schwert an seine Hüfte, und geht hin und her, von einem Tor zum anderen im Lager, und jeder erschlage seinen Bruder, seinen Freund und seinen Nächsten! Und die Söhne Levis machten es, wie ihnen Mose gesagt hatte, und an jenem Tag fielen vom Volk an die 3000 Männer.

Y viendo Moisés al pueblo desenfrenado, porque Aarón les había permitido el desenfreno para ser burla de sus enemigos se paró Moisés a la puerta del campamento, y dijo: El que esté por el SENOR, venga a mí. Y se juntaron a él todos los hijos de Leví. Y él les dijo: Así dice el SENOR, Dios de Israel: „Póngase cada uno la espada sobre el muslo, y pasad y repasad por el campamento de puerta en puerta, y matad cada uno a su hermano y a su amigo y a su vecino. Y los hijos de Leví hicieron conforme a la palabra de Moisés; y cayeron aquel día unos tres mil hombres del Pueblo.

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Bye bye my Love: Kubanischer Künstler zur Emigration in Richtung USA

Im Roman nehmen die Einwohner von Macondo an einem Tanz ums goldene Kalb in Form der United Fruit Company, dem Bananenanbau und den damit verbundenen Dollars teil. Die Forderungen nach Verbesserung der Gehälter und Arbeitsbedingungen manifestiert sich in Demonstrationen. Eine große Versammlung der Arbeiter mit ihren Frauen und Kindern nimmt sich wie ein Volksfest aus.  Gnadenlos beenden Staat und Company das Tänzchen mit dem Massaker der 3000 am Bahnhofsplatz.

„José Arcadio Segundo no habló mientras no terminó de tomar el café. -Debían ser como tres mil -murmuré. -¿Qué? -Los muertos -aclaró él-. Debían ser todos los que estaban en la estación.” Pdf S.127 “-Eran más de tres mil -fue todo cuanto dijo José Arcadio Segundo-. Ahora estoy seguro que eran todos los que estaban en la estación.” Pdf S.129 Die Geschicht aus Aureliano Segndos Kindermund tut Wahrheit kund. Wie schon José Arcadio macht der Sohn den Eindruck eines Verrückten, ist dabei aber äußert hellsichtig: “Aureliano Segundo descubrió esa amistad mucho tiempo después de iniciada, cuando oyó al niño hablando de la matanza de la estación. Ocurrió un día en que alguien se lamentó en la mesa de la ruina en que se hundió el pueblo cuando lo abandonó la compañía bananera, y Aureliano lo contradijo con una madurez y una versación de persona mayor. Su punto de vista, contrario a la interpretación general, era que Macondo fue un lugar próspero y bien encaminado hasta que lo desordenó y lo corrompió y lo exprimió la compañía bananera, cuyos ingenieros provocaron el diluvio como un pretexto para eludir compromisos con los trabajadores. Hablando con tan buen criterio que a Fernanda le pareció una parodia sacrílega de Jesús entre los doctores, el niño describió con detalles precisos y convincentes cómo el ejército ametralló a más de tres mil trabajadores acorralados en la estación, y cómo cargaron los cadáveres en un tren de doscientos vagones y los arrojaron al mar. Convencida como la mayoría de la gente de la verdad oficial de que no había pasado nada, Fernanda se escandalizó con la idea de que el niño había heredado los instintos anarquistas del coronel Aureliano Buendía, y le ordenó callarse. Aureliano Segundo, en cambio, reconoció la versión de su hermano gemelo. En realidad, a pesar de que todo el mundo lo tenía por loco, José Arcadio Segundo era en aquel tiempo el habitante más lúcido de la casa.” Pdf S.143 f Die Moral von der Geschichte: Wer nicht zum Prinzip des uneingeschränkten oder neoliberalen Kapitalismus steht, der gehört nicht zu den Auserwählten. Er steht auf der Abschussliste.

Hermes Trismegistos alias Melchíades der Alchemist

Die Alchemie spielt eine zentrale Rolle in 100 Jahre Einsamkeit. Wie ein Rahmen liegt sie als Meta-Geschichte über der eigentlichen Erzählung. Wie bei Alchemisten üblich, ist die Metageschichte in einer Geheimsprache verfasst und erschließt sich nur dem eingeweihten Adepten. Dieser muss aus eigenem Antrieb Rätsel um Rätsel lösen, um zur Erleuchtung zu gelangen. Das Ganze geht stufenlos ins esoterisch oder religiöse über. Zentrale Figur im alchemistischen Spiel ist dabei zunächst Melchíades. Er prägt den Roman wie kaum eine zweite Figur. Er ist auf von der ersten Seite an präsent und auf den letzten Seiten liest Aureliano postum aus seinen Aufzeichnungen. Diese sind nichts weniger als die Geschichte des Romans und seiner Figuren in verschlüsselter Form. Der letzte der Sippe Buendía kann es deshalb bei der Lektüre kaum erwarten, ans Ende der Aufueichnungen zu gelangen: ihn erwartet die Lektüre seines eigenen Schicksals!

Der alte Ziegeuner Melchíades wird mit den Attributen von Hermes Trismegistos beschrieben und ähnelt dessen Darstellung auf alten Kupferstichen : “corpulento, de barba montaraz y manos de gorrión”(Kapitel 1, pdf S.3) und “con el sombrero de alas de cuervo, como la materialización de un recuerdo que estaba en su memoria desde mucho antes de nacer.”(Kapitel XVIII, pdf S.147) Er gleicht dem Gott aus der Familie des Zeusclans mit dem geflügelten Helm.

http://earthstation1.simplenet.com
Kupferstich aus Michael Maier, Symbola aurea mensae, Frankfurt a.M. 1617

„Die Götter-Gestalt des Hermes Trismegistos (griechisch Ἑρμῆς Τρισμέγιστος für „dreimal größter Hermes“) ist eine synkretistische Verschmelzung des griechischen Gottes Hermes mit dem ägyptischen Gott Thot. Bis in die frühe Neuzeit glaubte man, Hermes Trismegistos hätte tatsächlich gelebt und wäre der Verfasser der nach ihm benannten hermetischen Schriften.“ „Namengebend für Hermes waren ursprünglich als Wegmarken für Reisende dienende Steinhaufen, später Stelen mit einem Kopf und einem erigierten Phallus, eben die sogenannten Hermen. Hermes war der Gott der Reisenden, Hirten, Kaufleute und Diebe, Bote des Zeus und Totenbegleiter.“ Wikipedia

Als Reisender hat er die entferntesten Orte der Welt durchstreift: “Sobrevivió a la pelagra en Persia, al escorbuto en el archipiélago de Malasia, a la lepra en Alejandría, al beriberi en el Japón, a la peste bubónica en Madagascar, al terremoto de Sicilia y a un naufragio multitudinario en el estrecho de Magallanes.” (pdf S.5)

Als Kaufmann bzw. Merkantilist (D), mercenaire (F), mercader (S) ist er ein Nachfahre von Merkur, der römischen Variante des Hermes. Seine Anpreisungen der neuesten Erfindungen sind unschlagbar, man kauft ihm gerne alles ab. Seit den Tagen des Quellekatalogs freuen wir uns auf die Ankunft unserer Päckchen durch den Hemes Versand. Auf den antiken Statuen wird der Götterbote stets mit dem geflügelten Helm dargestellt, der besagten Kappe mit den Lederklappen im Roman, bei deren Anblick in Aurelianos Vorstellung Bilder auftauchen, die weit vor seine Zeit zurückreichen: nämlich über das alte Rom und das antike Griechenland bis ins Reich der Pharaonen

Interessant ist die Bedeutung des Hermes Urtyps Thot in der ägyptischen Mythologie. „Thot war der Gott des Mondes, der Astronomie bzw. Astrologie, der Magie und Medizin. Seit ca. 1500 v.Chr. erscheint er als der Gott der Weisheit, der Sprache, des Schreibens und als Schöpfer der Gesetze von Himmel und der Erde. Man brachte ihn insbesondere mit esoterischem Wissen in Verbindung und nannte ihn „den Geheimnisvollen“ oder den „Unbekannten“. (Klaus Priesner, Karin Figala, Alchemie, Lexikon einer hermetischen Wissenschaft, München 1998, S.173). Auch in dieser Funktion erleben wir  den Alten mit dem Rauschebart im Roman: in Geheimschrift Prophezeiungen auf Pergament schreibend. Seine Kenntnisse der Alchemie sind profunde.

Und wieder blaut ein neuer Tag

Im Roman klingen Opern, Bilder und Gedichte an. Ein Beispiel ist das Gedicht „Today“ von Thomas Carlyle (1795-1881). Es taucht in unterschiedlichen Zusammenhängen und gewandelter Zitierweise auf. Ein Beispiel dazu von S. 446 der Ausgabe von zweitausendeins: „Gereizt warf er die Zeitung auf die Fensterbank und schaute hinaus in den grauen Himmel. – Es blaut ein Tag…mal wieder, murmelte er, während die gemessenen Harfenklänge im Hintergrund erstarben und er sich vom Fenster wegdrehte.“

Thomas Carlyle

Today

So here hath been dawning

Another blue Day:

Think wilt thou let it

Slip useless away.

 X

Out of Eternity

This new Day is born;

Into Eternity,

At night, will return.

 X

Behold it a foretime

No eye ever did:

So soon it forever

From all eyes is hid.

 X

Here hath been dawning

Another blue Day:

Think wilt thou let it

Slip useless away.

Recognitions

Eine nicht enden wollende Kette von Wiedererkennen zieht sich durch das Buch. Wenn man den ausgelegten Pisten von Gaddis folgt, gerät man schnell in andere Geisteswelten. Viele sind längst vergangen, haben aber in Wörtern, Bildern, Texten oder der Musik ein für allemal Zeichen gesetzt, sind in unsere Gedankenwelt eingegangen. Es handelt sich um eine Art von Kulturgeschichte der westlichen Zivilisation, ähnlich wie sie von Friedel verfasst wurde, nur eben jetzt in Romanform.

Generell sind bei Gaddis die drei Grundpfeiler des des amerikanischen Wesens beschrieben:
Geld (JR) Religion (Recognitions) und Gerichtsbarkeit (Frolic of ist own).

Religion

Unter der trostlosen Oberfläche des Sonntäglichen Einerleis der Gottesdienste einer reformierten und dabei zu Tode säkularisierten Gemeinde „die grauen Gesichter“ besinnt sich Referent Gwyon auf das katholische Christentum. Heilige, Märtyrer, Päpste und ihre häretischen Gegenspieler ziehen an ihm vorüber. Das Ganze gewürzt mit ironischen Anspielungen auf Namen und Orte die sich zwar auf den ersten Blick authentisch klingen, aber reine Ironie sind. Dazu gehört der Aufenthalt im Kloster San Zwingli de la Otra Vez, einer verwegenen Kreuzung des Schweizer Reformators mit den Spanischen Mönchen vom anderen Mal mit dem Orgelspieler Manomuerto, dem toten Händchen. Von da aus sind es nur noch wenige Schritte zum Mithraskult. Feierliche Anlässe sind dazu Weihnachten, die Saturnalien, das Mithrasfest, die heidnischen Feiern der Wintersonnenwende, alles findet zur gleichen Zeit statt, dient im weltlichen Bereich gleichen Zwecken und wird kreuz und quer zitiert.

Musik: Es klingt immer wieder Musik: z.B.Opern

Malerei: Schwerpunkt ist die flämische Malerei und als Thema die Fälschung der Werke bzw. der Hinzuerfindung

Literatur

Poesie: es klingen Gedichte an, oft nur angedeutet

Polyglott: das Buch enthält Passagen auf: Deutsch, Ungarisch, Spanisch, Französich

Streitgespräch über einen Gottesbeweis

Der kurze Dialog findet auf Latein statt. Die Existenz Gottes wird durch ein Wunder bewiesen, aber es gibt unerwartete Kritik.

Espiritú a Martinique, F
Dämon, Martinique, Karibik

„-Un momento -dijo-. Ahora vamos a presenciar una prueba irrebatible del infinito poder de Dios.

El muchacho que había ayudado a misa le llevó una taza de chocolate espeso y humeante que él se tomó sin respirar. Luego se limpió los labios con un pañuelo que sacó de la manga, extendió los brazos y cerró los ojos. Entonces el padre Nicanor se elevó doce centímetros sobre el nivel del suelo. Fue un recurso convincente. Anduvo varios días por entre las casas, repitiendo la prueba de la levitación mediante el estímulo del chocolate, mientras el monaguillo recogía tanto dinero en un talego, que en menos de un mes emprendió la construcción del templo. Nadie puso en duda el origen divino de la demostración, salvo José Arcadio Buendía, que observó sin inmutarse el tropel de gente que una mañana se reunió en torno al castaño para asistir una vez más a la revelación. Apenas se estiró un poco en el banquillo y se encogió de hombros cuando el padre Nicanor empezó a levantarse del suelo junto con la silla en que estaba sentado.

-Hoc est simplicisimun -dijo José Arcadio Buendía-: homo iste statum quartum materiae invenit.

El padre Nicanor levantó la mano y las cuatro patas de la silla se posaron en tierra al mismo tiempo.

-Nego -dijo-. Factum hoc existentiam Dei probat sine dubio.

Fue así como se supo que era latín la endiablada jerga de José Arcadio Buendía. El padre Nicanor aprovechó la circunstancia de ser la única persona que había podido comunicarse con él, para tratar de infundir la fe en su cerebro trastornado. Todas las tardes se sentaba junto al castaño, predicando en latín, pero José Arcadio Buendía se empecinó en no admitir vericuetos retóricos ni transmutaciones de chocolate, y exigió como única prueba el daguerrotipo de Dios. El padre Nicanor le llevó entonces medallas y estampitas y hasta una reproducción del paño de la Verónica, pero José Arcadio Buendía los rechazó por ser objetos artesanales sin fundamento cien-tífico. Era tan terco, que el padre Nicanor renunció a sus propósitos de evangelización y siguió visitándolo por sentimientos humanitarios. Pero entonces fue José Arcadio Buendía quien tomó la iniciativa y trató de quebrantar la fe del cura con martingalas racionalistas. En cierta ocasión en que el padre Nicanor llevó al castaño un tablero y una caja de fichas para invitarlo a jugar a las damas, José Arcadio Buendía no aceptó, según dijo, porque nunca pudo entender el sentido de una contienda entre dos adversarios que estaban de acuerdo en los principios. El padre Nicanor, que jamás había visto de ese modo el juego de damas, no pudo volverlo a jugar. Cada vez más asombrado de la lucidez de José Arcadio Buendía, le preguntó cómo era posible que lo tuvieran amarrado de un árbol.

-Hoc est simplicisimun -contestó él-: porque estoy loco. Desde entonces, preocupado por su propia fe, el cura no volvió a visitarlo, y se dedicó por completo a apresurar la construcción del templo.“
Gabriel García Márquez, Cien años de soledad, Pdf. S.36

Rezeption

Baumfarne
Baumfarne in der Karibik: Guadeloupe

Dies war der erste Roman aus dem südamerikanischen Raum, den ich 1987 zum ersten Mal auf Deutsch gelesen habe. Marcel Reich-Ranicky hatte beim Literarischen Quartett von diesen Kolumbianer und seinem nobelpreisgekrönten Meisterwerk geschwärmt und ich wollte wissen, was an der Begeisterung so dran sein könnte. Bei der ersten Lektüre war ich wie benommen von der überschäumenden Phantasie und durch zahlreiche Vor- und Rückgriffe geprägten Erzählweise des Autors. Inzwischen der spanischen Sprache kundig, habe ich das Buch nach 25 Jahren erneut im Original bzw. parallel in beiden Sprachen gelesen. Hier einige Gedanken zum Werk, zur deutschen Übersetzung, den Personen, dem Ort Macondo und was für mich das Besondere an diesem Buch ist.

Los antepasados y la primera generación

Ursprung der Familie Buendía ist Aureliano, der Urgroßvater der mit la quemada verheiratet ist, die sich vor Schreck den Achtersteven verbrannt hat, als Francis Drake mal wieder die Hafeneinfahrt von Riohacha unter Beschuß nimmt. Sie ziehen aus Verzweiflung ins Hinterland, wo sie auf den tabakpflanzenden Kreolen José Arcadio treffen, der Partner von Aureliano wird. Über seine beiden Kinder erfahren wir nichts, aber einer hat einen Sohn: Arcadio und der oder die andere eine Tochter: Ursula. Sie leben im selben, kleinen Dorf und lernen sich lieben. José und Ursula heiraten.

Gouadeloupe1993Chutedeau
Lets play Adam and Eve. Or José y Ùrsula.

Primera generación
Die Gründer von Macondo und der Familie Buendía-Iguarán sind José Arcadio Buendía und Úrsula Iguarán. Sein Großvater Aureliano (auro=Gold) ist auch der Großvater seiner Frau Ursula, sie ist also seine Cousine. (Bruder vom Vater und davon das Kind. Die beiden Väter gehen auf Aureliano, einen aragonischen Händler, zurück. Die beiden Söhne des Großvaters Aureliano werden nirgendwo erwähnt). Die Generation der Ur-Großeltern sind eingewanderte Spanier, er stammt aus dem Königreich Aragon.
José
1) Joseph, Josef, der biblische Stammvater Israels, zweitjüngster Sohn des Erzvaters Jakob
2) Josef von Nazaret, auch Josef der Zimmermann, Ziehvater Jesu von Nazaret
3) Josef, einer der vier im Neuen Testament namentlich erwähnten Brüder Jesu, siehe Geschwister Jesu
Buendía
Altes Adelsgeschlecht aus dem 16.Jhd. dem Zeitalter der Conquista. Sie regieren in der Provinz Cuenca. Es gibt dort auch eine Stadt Buendia.
José Arcadio Buendía: „Der Urvater, der den einen guten neuen Tag unbelastet von mühsamer Arbeit und gesellschaftlichem Anpassungsdruck in einer idyllischen Natur begrüßt.“
Úrsula
Ursula ist lateinischen Ursprungs (ursus = Bär) mit dem Suffix -ula und bedeutet eigentlich kleine Bärin. Dieser Name ist im Grunde genommen eine Kopie des keltischen Namen Artula (artos = ursus), wie es in der zweisprachigen Inschrift von Trier (CIL XIII 3909) deutlich erscheint. Zur Verbreitung des Namens trug die Verehrung der heiligen Ursula im Mittelalter bei.